Kapitel IV

Der Sturz der Provisorischen Regierung

Ereignisse am 7. November

Von vier Uhr morgens bis Tagesanbruch blieb Kerenski im Petrograder Hauptquartier des Stabes und sandte Befehle an die Kosaken und Offiziersschüler der Schulen in und um Petrograd – die alle antworteten, sie seien nicht in der Lage, etwas zu unternehmen.

Oberst Polkownikow, der Stadtkommandant, eilte zwischen dem Stab und Winterpalast hin und her, offensichtlich völlig planlos. Kerenski gab Befehl, die Brücken zu öffnen; drei Stunden vergingen, ohne dass sich etwas rührte. Dann zogen ein Offizier und fünf Mann auf eigene Faust los, schlugen eine rotgardistische Wache in die Flucht und öffneten die Nikolaibrücke. Sofort nach ihrem Abzug wurde die Brücke von Matrosen wieder geschlossen.

Kerenski befahl, die Druckerei des Rabotschi Put zu besetzen. Der damit beauftragte Offizier sollte eine Abteilung Soldaten erhalten; zwei Standen später versprach man ihm ein paar Offiziersschüler; dann sprach niemand mehr von dem Befehl.

Ein Versuch wurde unternommen, Post und Telegrafenamt wieder in Besitz zu nehmen; ein paar Schüsse wurden abgegeben, und dann erklärten die Soldaten der Provisorischen Regierung, sie würden nicht mehr gegen die Sowjets kämpfen. Einer Delegation von Offiziersschülern erklärte Kerenski:

»Als Haupt der Provisorischen Regierung und als Oberster Befehlshaber weiß ich nichts und kann ich Ihnen nicht raten. Als Veteran der Revolution aber rufe ich Sie auf, junge Revolutionäre, auf Ihrem Posten zu bleiben und die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen.«

 

Befehl Kischkins vom 7. November (25. Oktober)

Durch Erlass der Provisorischen Regierung ist bestimmt: Das Mitglied der Provisorischen Regierung N.M. Kischkin erhält außerordentliche Vollmachten zur Herstellung der Ordnung in der Hauptstadt und zur Verteidigung Petrograds gegen jegliche anarchistische Übergriffe, von wo sie auch ausgehen mögen. Alle Militär- und Zivilbehörden werden ihm unterstellt.

Auf Grund der mir von der Provisorischen Regierung übertragenen Vollmachten entbinde ich den Oberbefehlshaber des Petrograder Militärbezirks, Oberst Georgi Polkownikow, von seinen ihm auferlegten Pflichten.

 

Aufruf des stellvertretenden Ministers

des Vorsitzenden der Provisorischen Regierung, Konowalow,

an die Bevölkerung vom 7. November (25. Oktober)

Bürger, rettet die Heimat, die Republik, die Freiheit! Wahnsinnige haben sich zum Aufstand gegen die einzige Staatsmacht erhoben, die vom Volk bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung eingesetzt wurde – gegen die Provisorische Regierung. Die Mitglieder der Provisorischen Regierung erfüllen ihre Pflicht, sie bleiben auf ihrem Posten und werden ihre Arbeit zum Wohl der Heimat, für die Wiederherstellung der Ordnung und für die Einberufung der Konstituierenden Versammlung, des künftigen bevollmächtigten Herrn der russischen Erde und aller Völker, die sie bewohnen, in der festgesetzten Frist fortsetzen.

Bürger, ihr müsst der Provisorischen Regierung helfen. Ihr müsst ihre Macht stärken. Ihr müsst den Wahnsinnigen, denen sich alle Feinde der Freiheit und der Ordnung, alle Anhänger der alten Ordnung angeschlossen haben, ihr müsst allen, die die Konstituierende Versammlung vereiteln, alle Errungenschaften der Revolution vernichten, die die Zukunft unserer teuren Heimat zunichte machen wollen, in die Arme fallen!

Bürger, organisiert euch um die Provisorische Regierung zum Schütze ihrer provisorischen Macht, im Namen der Ordnung und des Glücks aller Völker unserer großen Heimat.

25. Oktober 1917

 

Funkspruch der Provisorischen Regierung

»... Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten hat die Provisorische Regierung für gestürzt erklärt und hat die Übergabe der gesamten Macht an ihn gefordert unter Androhung der Beschießung des Winterpalastes mit den Geschützen der Peter-Pauls-Festung und des Kreuzers Aurora, der auf der Newa vor Anker liegt.

Die Regierung kann die Macht nur der Konstituierenden Versammlung übergeben, sie hat darum beschlossen, sich nicht zu ergeben und sich dem Schutz des Volkes und der Armee anzuvertrauen. Darüber ist ein Telegramm ins Hauptquartier abgesandt worden. Das Hauptquartier antwortete, dass es eine Abteilung absende.

Mögen das Land und das Volk auf den wahnwitzigen Versuch der Bolschewik!, einen Aufstand im Hinterland der kämpfenden Armee zu entfesseln, antworten.

25. Oktober, 9 Uhr abends.«

 

Etwa um 9 Uhr morgens begab sich Kerenski an die Front ...

Gegen Abend erschienen zwei Soldaten auf Fahrrädern im Hauptquartier des Stabes, als Delegierte der Garnison der Peter-Paul-Festung. Sie traten in den Versammlungsraum, wo Kischkin, Rutenberg, Paltschinski, General Bagratuni, Oberst Paradelow und Graf Tolstoi saßen, und forderten die sofortige Übergabe des Stabes; andernfalls würde das Hauptquartier bombardiert ... Nach zwei in wilder Panik abgehaltenen Konferenzen zog sich der Stab in den Winterpalast zurück, und das Hauptquartier wurde von den Rotgardisten besetzt ...

Am späten Nachmittag kreuzten mehrere Panzerwagen der Bolschewiki um den Platz vor dem Winterpalast und versuchten vergeblich, mit den Offiziersschülern zu verhandeln ...

Die Beschießung des Winterpalastes begann etwa um 7 Uhr abends ...

Um 10 Uhr abends begann der Artilleriebeschuss von drei Seiten. Die meisten Geschosse waren Blindgänger, und nur drei kleine Schrapnells beschädigten die Fassade des Palastes ...

Kerenski auf der Flucht

Kerenski verließ Petrograd am Morgen des 7. November und kam im Auto in Gattschina an. Dort verlangte er einen Sonderzug. Gegen Abend war er in Ostrow, Gouvernement Pskow. Am nächsten Morgen fand eine außerordentliche Sitzung des örtlichen Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten statt, an der auch Delegierte der Kosaken teilnahmen – in Ostrow waren sechstausend Kosaken stationiert.

Kerenski sprach auf der Sitzung, bat um Hilfe gegen die Bolschewiki und wandte sich dabei besonders an die Kosaken. Die Soldatendelegierten protestierten.

»Wozu sind Sie hergekommen?« wurden Stimmen laut. Kerenski antwortete: »Um die Kosaken zu bitten, bei der Unterdrückung des bolschewistischen Aufstands zu helfen!« Darauf erhob sich ein Proteststurm, der noch heftiger wurde, als Kerenski fortfuhr: »Ich habe den Aufstandsversuch Kornilows zerschlagen, und ich werde auch die Bolschewiki zerschlagen!« Der Tumult wurde so groß, dass er abtreten musste ...

Die Soldatendeputierten und die Ussurikosaken beschlossen, Kerenski zu verhaften, aber die Donkosaken hinderten sie und sorgten dafür, dass er mit dem Zug weiterfahren konnte ... Ein revolutionäres Militärkomitee, das im Laufe des Tages gebildet worden war, versuchte, sich mit der Garnison in Pskow in Verbindung zu setzen, aber die Telefon- und Telegrafenleitungen waren durchschnitten ...

Kerenski erreichte Pskow nicht. Revolutionäre Soldaten hatten die Schienen herausgerissen, um zu verhindern, dass Truppen gegen die Hauptstadt geschickt wurden. Am 8. November nachts kam er im Auto in Luga an, wo er von den dort stationierten Todesbataillonen zuvorkommend empfangen wurde.

Am nächsten Tag fuhr er mit dem Zug an die Südwestfront und besuchte das Armeekomitee im Hauptquartier. Die Fünfte Armee hatte jedoch den Erfolg der Bolschewiki mit wilder Begeisterung begrüßt, und das Armeekomitee konnte Kerenski keine Unterstützung versprechen.

Von dort aus fuhr er zum Stab nach Mogiljow, wo er zehn Regimentern von verschiedenen Frontabschnitten den Befehl erteilte, gegen Petrograd zu marschieren. Fast alle Soldaten weigerten sich, und die Regimenter, die sich doch in Bewegung setzten, kamen nicht sehr weit. Schließlich folgten ihm etwa fünftausend Kosaken ...

Zu den Plünderungen im Winterpalast

Ich will nicht behaupten, dass im Winterpalast überhaupt nicht geplündert wurde. Sowohl nach dem Fall des Winterpalastes als auch vorher ist genügend beiseite geschafft worden. Aber die Erklärung der Sozialrevolutionären Zeitung Narod und die von Mitgliedern der Stadtduma, dass Wertsachen für 500 Millionen Rubel gestohlen worden seien, ist eine maßlose Übertreibung.

Die wichtigsten Kunstschätze des Winterpalastes – Gemälde, Statuen, Gobelins, seltenes Porzellan und Waffensammlungen – waren im September nach Moskau gebracht worden; und sie lagen auch zehn Tage, nachdem die Bolschewiki den Kreml besetzt hatten, noch unversehrt und in bester Ordnung in den Kellern des dortigen Zarenpalastes. Das kann ich persönlich bezeugen ...

Einzelpersonen, insbesondere die Bevölkerung, die nach der Besetzung des Winterpalastes mehrere Tage frei ein- und ausgehen konnten, ließen jedoch Tafelsilber, Uhren, Bettbezüge, Spiegel und ein paar Vasen aus wertvollem Porzellan und Halbedelsteinen im Wert von etwa 50 000 Dollar mitgehen.

Die Sowjetregierung bildete sofort eine Kommission aus Künstlern und Archäologen, die sich um die Rückführung der entwendeten Kunstschätze bemühte. Am 1. November wurden zwei Proklamationen erlassen:

 

An die Bürger Petrograds!

Wir richten an alle Bürger die eindringliche Bitte, alle Anstrengungen zu machen, um nach Möglichkeit alle Gegenstände, die in der Nacht vom 7. zum 8. November aus dem Winterpalast entwendet worden sind, ausfindig zu machen und sie dem Kommandanten des Winterpalastes zurückzugeben.

Aufkäufer entwendeter Gegenstände und Antiquitätenhändler, bei denen gestohlene Gegenstände gefunden werden, haben sich vor Gericht zu verantworten und werden streng bestraft.

Die Kommissare zur Beaufsichtigung der Museen und Kunstschätze

G. Jatmanow, B. Mandelbaum

 

An alle Regiments- und Flottenkomitees!

In der Nacht vom 7. zum 8. November wurden aus dem Winterpalast, der Eigentum des russischen Volkes ist, eine Reihe wertvoller Kunstgegenstände gestohlen.

Wir rufen eindringlich alle auf, alle Anstrengungen zu machen, um die gestohlenen Kunstgegenstände wieder in den Winterpalast bringen.

Kommissare G. Jatmanow, B. Mandelbaum

 

Etwa die Hälfte der Beute wurde gefunden, zum Teil im Gepäck von Ausländern, die Russland verlassen wollten.

Auf Vorschlag des Smolny wurde eine Kommission von Künstlern und Archäologen beauftragt, eine Bestandsaufnahme der Kunstschätze im Winterpalast zu machen. Diese Kommission wurde mit der vollen Verantwortung für den Winterpalast und alle Kunstsammlungen und staatlichen Museen in Petrograd betraut. Am 16. November wurde der Winterpalast für das Publikum geschlossen und mit der Bestandaufnahme begonnen.

In der letzten Novemberwoche erließ der Rat der Volkskommissare ein Dekret, in dem der Winterpalast unter dem neuen Namen Museum des Volkes der Kommission von Künstlern und Archäologen unterstellt und jede behördliche Tätigkeit in seinen Räumen verboten wurde ...

Zur Vergewaltigung des Frauenbataillons

Unmittelbar nach dem Sturm auf den Winterpalast gingen in der antibolschewistischen Presse und der Stadtduma alle möglichen Gerüchte über das Schicksal des Frauenbataillons um, das angeblich den Winterpalast verteidigt hätte. Es wurde erzählt, einige der Mädchen seien aus den Fenstern auf die Straße gestürzt worden, die übrigen hätte man vergewaltigt, und viele seien durch die Gräuel, die sie über sich ergehen lassen mussten, zum Selbstmord getrieben worden.

Die Stadtduma ernannte eine Kommission, die diese Angelegenheit untersuchen sollte. Am 16. November kehrte die Kommission aus Lewaschowo, dem Hauptquartier des Frauenbataillons, zurück. Frau Tyrkowa berichtete dazu, dass man die Mädchen zunächst in die Kaserne des Pawlowski-Regiments gebracht habe und dort einige schlecht behandelt worden seien; jetzt seien aber die meisten Mädchen in Lewaschowo, und die übrigen wohnten überall in der Stadt verstreut in Privatwohnungen. Dr. Mandelbaum, ein weiteres Mitglied der Kommission, erklärte trocken, keine der Frauen sei aus den Fenstern des Palastes gestürzt worden, keine sei verwundet, drei seien vergewaltigt worden und eine hätte Selbstmord begangen unter Zurücklassung eines Briefes, dass »all ihre Ideale zusammengebrochen« seien.

Am 21. November löste das Revolutionäre Militärkomitee auf eigenen Wunsch der Mädchen das Frauenbataillon auf, und die Mädchen kehrten in das zivile Leben zurück.

Louise Bryant schreibt in ihrem Buch »Sechs rote Monate in Russland« sehr interessant über die Angehörigen des Frauenbataillons in dieser Zeit.