Alexander Konstantinowitsch Woronski

Leben und Werk eines bolschewistischen Literaturkritikers

Alexander K. Woronski

Alexander Woronski sagte einmal, er habe zwei große Leidenschaften, die Literatur und die Revolution. Als junger Bolschewik nahm er aktiv an der Revolution von 1905 in Russland teil, und als diese in der Niederlage endete, teilte er das Los vieler Revolutionäre, das aus Gefängnis und Exil bestand. Von 1917 an engagierte er sich am Aufbau und der Verteidigung des Sowjetregimes, das aus der Oktoberrevolution entstanden war. In Odessa, in Iwanowo und schließlich in Moskau spielte er in der bolschewistischen Partei eine führende Rolle.

In Iwanowo stellte er erstmals sein großes Talent als Herausgeber von Rabotschi krai unter Beweis, der größten Zeitung der Stadt. Von 1918–20 verfasste er beinahe 400 Artikel für diese Zeitung. Sie zog Lenins Aufmerksamkeit auf sich, und so wurde Woronski nach Moskau eingeladen, wo er 1921 ein neues so genanntes „Dickes Journal“ namens Krasnaja now [Rotes Neuland] gründete. Auf den Seiten dieser Zeitschrift wurden viele wichtige Probleme, vor denen die Sowjetkultur stand, theoretisch erörtert. Sie veröffentlichte Werke der besten Schriftsteller.

Die Geschichte der Sowjetunion und der bolschewistischen Partei von 1917–37 ist außerordentlich komplex, und Woronski nahm an jedem einzelnen der großen, innerparteilichen Kämpfe teil. 1923 trat er der Gruppe um Leo Trotzki bei, die aktiv gegen alarmierende Anzeichen einer bürokratischen Degeneration kämpfte, die sich in der Sowjetunion in der Folge der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) abzeichnete. Als Stalin und Bucharin 1924 ihre Linie eines „Sozialismus in einem Land“ verkündeten, nahm die Linke Opposition um Trotzki den Kampf zur Verteidigung der Perspektive der Weltrevolution auf. Vom Ergebnis dieses Kampfs hing nicht nur das Schicksal der sozialistischen Revolution in Russland, sondern auch in Europa und China ab.

Alexander K. Woronski

Gleichzeitig publizierte Woronski zahlreiche eigene Artikel und redigierte hunderte Werke anderer Autoren. Unermüdlich polemisierte er gegen verschiedene Tendenzen, die damals in Russland aufkamen, zum Beispiel gegen die Proletkult-Bewegung, gegen die Kritiker und Schriftsteller, die sich um die Zeitschriften Na postu und LEF gruppierten, wie auch gegen die Mitglieder von Gruppen wie Molodaja Gwardija und Oktober.
Er verteidigte die so genannten „Weggefährten“ und war de facto der Kopf der Schriftstellergruppe Perewal. Als jedoch 1927 die Linke Opposition unterdrückt und vertrieben wurde, verlor auch Woronski seine Stellung als Herausgeber.
Im Februar 1928 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und im Januar 1929 verhaftet.

Nach mehreren Monaten im Exil in Lipezk konnte Woronski Ende 1929 nach Moskau zurückkehren. Die nächsten acht Jahre seines Lebens widmete er der Verteidigung der Prinzipien des Bolschewismus gegen die führende Parteielite unter Stalin, die diese Prinzipien systematisch angriffen. Als alter Bolschewik teilte Woronski das tragische Schicksal einer Generation von Menschen, die die Oktoberrevolution vorbereitet und geleitet hatten. Unablässig verfolgt, erniedrigt und von Repressalien bedroht, versuchten diese Revolutionäre, in einem immer feindlicheren politischen Klima einen modus vivendi zu finden. Sie setzten auf einen Aufschwung der Revolution außerhalb der sowjetischen Grenzen, der es ihnen, so hofften sie, ermöglichen würde, den Würgegriff des stalinistischen Regimes aufzubrechen.

Da Woronski keine Gelegenheit mehr hatte, literaturkritische Artikel zu veröffentlichen, wandte er sich seinen Memoiren zu. In nur wenig verfremdeter Form schilderte er das Leben eines jungen Revolutionärs in Russland. In „Das Wasser des Lebens und des Todes“ stellte er im ersten Band sein Leben dar, angefangen bei der Prager Konferenz von 1912. Der nächste Band behandelte die Revolutions- und Bürgerkriegsjahre, wurde jedoch von der NKWD konfisziert, als Woronski am 1. Februar 1937 erneut verhaftet wurde. Es sollte seine letzte Verhaftung sein. Das Manuskript ist bisher in den KGB-Archiven nicht wieder aufgefunden worden und falls es 1937 nicht zerstört wurde, liegt es noch heute dort.

Nach mehreren Monaten der Untersuchungshaft wurde Woronski am 13. August 1937 vor Gericht gestellt, zum Tod verurteilt und wahrscheinlich noch am selben Tag erschossen. Woronskis Werke wurden, wie die der meisten Opfer von Stalins Großem Terror, aus den sowjetischen Büchereien entfernt, sein Name aus der sowjetischen Geschichte getilgt.

Die Kunst, die Welt zu sehen

Woronskis Tochter Galina wurde 1937 als Kind eines „Volksfeinds” verhaftet. Sie verbrachte viele Jahre in Gefangenschaft und Exil in Kolyma. Als sie schließlich in der „Tauwetterperiode“ unter Chrustschow nach Moskau zurückkehrte, versuchte sie, mit Hilfe eines Mitglieds der Kommunistischen Partei eine Rehabilitierung ihres Vaters zu erwirken. Im Februar 1957, zwanzig Jahre nach seinem Tod, wurde Woronski rehabilitiert. Dieser Akt war nur der erste Schritt in einem viele Jahre dauernden, heroischen Kampf, durch den es Galina gelang, die Erinnerung an den Vater wieder herzustellen und seine Werke zu veröffentlichen. Aus Woronskis Bibliografie ist zu ersehen, dass Galina nicht die einzige, nur die hartnäckigste Verteidigerin seines Erbes war. Nach Galinas Tod im Dezember 1991 führte Woronskis Enkelin, Tatjana Isajewa, den Kampf der Mutter fort.

Im Westen setzte Robert Maguire mit seiner bahnbrechenden Studie über Krasnaja now den Standard für die weitere Forschung. Da jedoch die sowjetischen Archive nicht zugänglich waren, blieben zahlreiche Fragen, besonders über Woronskis politische Entwicklung, unbeantwortet.

Als ich 1985–87 eine Dissertation über Woronskis literaturkritische Ansichten schrieb, entwickelte sich in der Sowjetunion gerade die so genannte „Perestroika“. Noch 1987 konnte man sich schwerlich vorstellen, dass schon Ende 1991 die Sowjetunion zusammenbrechen würde, wodurch sich unter anderem die Möglichkeit bieten würde, in den Archiven der Kommunistischen Partei zu arbeiten. Diese Archivarbeit hat seither einen großen Teil des Materials, das auf dieser Website veröffentlicht wird, zugänglich gemacht.

Die Liste der Personen, die zu dieser Materialsammlung beigetragen haben, ist lang. Ich kann  nur anerkennen, wie viel sie den Menschen verdankt, die Woronskis Leben und Werk erforschen. Jeder Leser, der mehr darüber erfahren möchte, ist eingeladen, Kontakt zu mir aufzunehmen oder sich der beträchtlichen Menge an Informationen zuzuwenden, die in Form von Artikeln und Büchern bisher veröffentlicht wurde.

Diese Seiten auf der Website des Mehring Verlags sollen mit den letzten stalinistischen Fälschungen über Woronskis Leben und Schreiben aufräumen, wie auch über den literarischen Prozess der 1920er und 1930er Jahre und die politischen Kämpfe der damaligen Zeit informieren. Seit langer Zeit wird im Westen über marxistische Literaturkritik diskutiert, ohne dass Woronskis Beitrag zu dieser Tradition ausreichend bekannt ist. Demselben Ziel dient die Veröffentlichung eines Bandes ausgewählter Schriften von Alexander Konstantinowitsch Woronski durch den Mehring Verlag.

Außer Woronskis eigenen Schriften hoffen wir auch so viele Dokumente, Fotografien, Karikaturen, Skizzen, Artikel etc. wie möglich zu veröffentlichen, die mit Woronskis Leben und Werk im Zusammenhang stehen. Wir begrüßen Korrekturen, Beiträge und Vorschläge unserer Leser.

Frederick Choate
Berkeley, 2001

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